Frankfurt 1948: Der Tag, an dem Europa in der Paulskirche eine Stimme bekam

Stell dir vor, deine Stadt liegt in Trümmern. Der Krieg ist gerade einmal drei Jahre vorbei, und fast niemand weiß, wie es weitergehen soll. Genau in dieser Zeit, am 19. Mai 1948, schauten viele Menschen in Europa nach Frankfurt am Main. In der Paulskirche kamen Politiker, Intellektuelle, Journalisten und junge Europäerinnen und Europäer aus vielen Ländern zusammen. Sie wollten über eine Frage sprechen, die bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren hat: Wie kann Europa Frieden, Freiheit und Demokratie dauerhaft sichern?

Um zu verstehen, warum dieses Treffen so wichtig war, muss man sich die Lage damals vorstellen. Europa stand nach dem Zweiten Weltkrieg vor einer echten Richtungsentscheidung: Krieg oder Frieden? Nationalismus oder Zusammenarbeit? Spaltung oder Einheit? Viele Menschen hatten erlebt, wohin Nationalismus und Machtpolitik führen können, nämlich zu Krieg und Zerstörung. Und sie waren sich einig, dass das nie wieder passieren durfte. Die europäischen Föderalisten, also Menschen, die sich für einen Zusammenschluss der europäischen Staaten unter einem gemeinsamen Dach einsetzten, hatten darauf eine klare Antwort: Zusammenarbeit statt Gegeneinander, Einheit statt Spaltung, Demokratie statt Diktatur. Für die Teilnehmenden der Frankfurter Tagung stand fest: Europa muss zusammenwachsen.

Dass sie sich ausgerechnet in der Paulskirche trafen, war kein Zufall. Genau hier hatte 1848 die erste frei gewählte deutsche Nationalversammlung getagt. Hundert Jahre später wurde derselbe Ort wieder zum Schauplatz einer großen politischen Vision, nur dass es diesmal nicht um Deutschland allein ging, sondern um ganz Europa. An diesem Tag wurde die Paulskirche zum Zentrum der europäischen Einigungsbewegung. Vertreterinnen und Vertreter aus Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien, den Niederlanden, Luxemburg und der Schweiz diskutierten gemeinsam über die Zukunft des Kontinents. Und das nur drei Jahre, nachdem sich viele dieser Länder noch im Krieg gegenüberstanden.
Mit dabei waren einige der wichtigsten Stimmen der damaligen Europabewegung. Dr. Eugen Kogon, Publizist und Politikwissenschaftler, gehörte zu den bedeutendsten Vordenkern eines föderalen Europas. Henri Brugmans war Präsident der Europäischen Föderalisten und einer der bekanntesten Einigungspolitiker seiner Zeit. Aus Frankreich kamen außerdem der Philosoph Alexander Marc, der sich für eine europäische Föderation starkmachte, und der Politiker Robert Mangin, ein überzeugter Europäer. Die britische Politikerin F. L. Josephy unterstützte die europäische Zusammenarbeit mit großem Engagement, und Dr. Bauer vertrat die Schweiz als Befürworter eines föderalen Europas.

Das Treffen blieb nicht unbemerkt. In ganz Deutschland berichteten Zeitungen über die Debatten in Frankfurt, und schon die Schlagzeilen zeigen, wie viel Hoffnung damals in diesem Tag steckte. „Europa-Union in der Paulskirche“ titelte eine Zeitung und beschrieb die Tagung als wichtigen Schritt für die Verständigung in Europa. „Für den Zusammenschluss Europas“ hieß es an anderer Stelle, wo die Forderung nach einem föderalen Europa im Mittelpunkt stand. Eine Schlagzeile stellte eine der zentralen Fragen der Nachkriegszeit: „Was erwartet Europa von Deutschland?“ Andere Blätter schrieben „Europas Zukunft liegt in der Einheit“ und machten deutlich, dass Einheit als Voraussetzung für Frieden und Stabilität verstanden wurde. Am besten brachte es wohl diese Überschrift auf den Punkt: „Nur Europa kann Europa retten.“ Genau das war die Grundüberzeugung vieler, die an diesem Tag in der Paulskirche saßen.
Warum sollte uns das heute noch interessieren? Weil die Antworten, die 1948 in Frankfurt formuliert wurden, unser Europa bis heute prägen. Die Menschen in der Paulskirche haben mitten in den Trümmern eines Krieges an eine Zukunft geglaubt, in der Länder zusammenarbeiten statt gegeneinander zu kämpfen. Und die Frage, die sie damals gestellt haben, ist auch unsere Frage: Wie sichern wir Frieden, Freiheit und Demokratie, und zwar dauerhaft? Die Antwort von 1948 war klar: gemeinsam. Vielleicht lohnt es sich, dass wir sie uns heute wieder genauer anhören.





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